Astrid Lindgren in der Welt

Astrid Lindgrens Werk ist auf der ganzen Welt bekannt. Kein schwedischer Autor wurde in so viele Sprachen übersetzt wie sie, und der Gesamtverkauf ihrer Bücher beläuft sich zum jetzigen Zeitpunkt auf ungefähr 150 Millionen Exemplare!

Die Globalität ihres künstlerischen Schaffens wird deutlich, wenn man sich die Liste aller Publikationen genauer ansieht. Die Geschichte aus dem Bilderbuch Kindertag in Bullerbü ist beispielsweise auf Vietnamesisch, Englisch, Isländisch, Japanisch, Friesisch, Polnisch und Französisch erschienen.

Astrid Lindgrens globale Verbreitung ist einzigartig und immer noch kommen neue ausländische Ausgaben ihrer Bücher hinzu, obgleich seit ihrem Tod schon mehrere Jahre vergangen sind (2002), und noch mehr, seit sie ihr letztes längeres Buch, Ronja Räubertochter geschrieben hat (1981).

Die großen Fragen des Lebens

Astrid hat gesagt, dass sie für ”das Kind in sich” schreibt. Sie hat ganz einfach die Erinnerungen und Gefühle aus ihrer eigenen Kindheit bewahrt und durch ihre Erzählungen weitergegeben. Sie hat für Kinder geschrieben, ”die beim Lesen Wunder bewirken”, wie sie selbst es ausdrückte.

Astrid Lindgren hat den großen Fragen des Lebens zu Recht und Unrecht, Leben und Tod, Einsamkeit und Gemeinschaft sowie Krieg und Frieden eine Form gegeben. Das hat sie mit einer Selbstverständlichkeit, einer konsequenten künstlerischen Schaffenskraft und ohne jemals die Perspektive des Kindes zu verraten, getan, unabhängig von Herkunft und Ursprung. Die Themen, über die sie schreibt, sind zu jeder Zeit und in allen Ländern aktuell.

Dennoch wurden ihre Bücher in unterschiedlichen Ländern und Kulturen unterschiedlich aufgenommen. In Russland gab es zum Beispiel über lange Zeit eine besonders starke Faszination für Karlsson vom Dach, die Astrid Lindgrens übrige Produktion in den Schatten stellte. In China und Japan ist Pippi Langstrumpf sehr beliebt, während in Deutschland nahezu alle Bücher Astrid Lindgrens erfolgreich sind, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Durchbruch im Ausland

1945 erschien Pippi Langstrumpf in Schweden und bereits im folgenden Jahr konnte Astrid Lindgren sich über die Ausgaben des Buches in Norwegen, Dänemark und Finnland freuen. 1947 erschien Britt-Mari erleichtert ihr Herz in Skandinavien, ebenso Meisterdetektiv Blomquist. Im Laufe von zwei Jahren war Astrid Lindgren eine Autorin, die im gesamten Norden gelesen wurde.

Der große Durchbruch im Ausland kam 1949, als ein deutscher Verleger mit Rabén & Sjögren in Kontakt trat. Astrid Lindgren beschrieb ihn viel später als ”den braunäugigen, freundlich lächelnden Friedrich Oetinger in seinem etwas fadenscheinigen Mantel”. Obgleich bereits fünf deutsche Verlage abgelehnt hatten, Pippi Langstrumpf herauszugeben, wagte Friedrich Oetinger den Einsatz für das Buch – der Rest ist deutsche Verlagsgeschichte!

Heute gibt der Verlag Friedrich Oetinger im Großen und Ganzen alles heraus, was Astrid Lindgren geschrieben hat, und kümmert sich mit großem Engagement um die Bücher. Wahrscheinlich ist das eine Erklärung für die nach wie vor unerhört starke Position, die Astrid Lindgren in Deutschland genießt; ihre Erzählungen werden von den Deutschen mindestens so geliebt wie von den Schweden.

Pippi und Karlsson

Die weltweit bekannteste Figur ist natürlich Pippi Langstrumpf.

Die Bücher über Pippi sind in 65 Sprachen übersetzt (Stand 2014). Gefolgt von den Brüdern Löwenherz, 46, Michel aus Lönneberga, 44, den Bullerbü-Büchern, 39, und Ronja Räubertochter, 39.

Die englische Zeitung The Daily Telegraph schreibt, apropos Pippi Langstrumpf, dass sie eine schwedische Superheldin ist, die ”Hackfleisch aus Voldemort machen könnte. Und nicht nur das, weil sie so großzügig und nicht nachtragend ist, würde sie Harry Potters mächtigsten Feind wieder auf den Boden setzen und ihn zu Pfefferkuchen einladen”. So stark ist Pippi also, dass sie mit einer der stärksten gegenwärtigen Figuren der englischen Kinderbuchwelt fertig wird.

Aber nicht nur die bekanntesten von Astrid Lindgrens Werken erscheinen in Neuausgaben in anderen Ländern. 2008 kamen beispielsweise in Südkorea die drei Bücher aus den Fünfziger Jahren auf den Markt: Kati in Amerika, Kati in Paris und Kati in Italien.

Die drei Bücher von Karlsson vom Dach feierten ihre größten ausländischen Erfolge in Russland und der ehemaligen Sowjetunion. 1973 erschien ein Sammelband mit allen drei Geschichten im Verlag Detskaja Literatura in Moskau in einer Auflage von über 100.000 Exemplaren, was allein schon ein Beispiel für die enorme Durchschlagskraft von Karlsson in Russland ist. Zu den Büchern müssen noch unzählige Theaterinszenierungen dazugerechnet werden, ganz zu schweigen von den vielen Piratenausgaben, die in der ehemaligen Sowjetunion verbreitet wurden.

Illustrationen weltweit

An vielen Orten der Welt wurden Astrid Lindgrens Bücher mit den Original-Illustrationen herausgegeben. Aber es gibt natürlich Ausnahmen.

Die Buchverlage des früheren Ostblocks entschieden sich häufig gegen die schwedischen Illustratoren und ließen eigene Illustrationen anfertigen. Das Gleiche passierte in großen Ländern wie Spanien und Frankreich. Für die deutschen Ausgaben von Pippi Langstrumpf hat der Oetinger Verlag mit drei Illustratoren gearbeitet: Walter Scharnweber, Rolf Rettich und später Katrin Engelking. In der ehemaligen DDR produzierte Cornelia Ellinger eigene Illustrationen von Pippi für Der Kinderbuchverlag Berlin.

Heutzutage werden für die Ausgaben teilweise aktuellere Illustrationsweisen verwendet – ein Beispiel ist Lauren Childs Collage in der englischen Neuauflage von Pippi Longstocking, sowie das südkoreanische, mangainspirierte Cover der Neuausgabe von Meisterdetektiv Kalle Blomquist.

Astrid und die Welt

Astrid Lindgren begann früh, sich für ihre Umwelt zu interessieren. Auch wenn sie sich als Person stark mit Småland und Vimmerby verwurzelt fühlte, war sie schon als Jugendliche neugierig auf die Welt und die Menschen jenseits der Kleinstadtgrenze. Sie verschlang alle Bücher, die sie in die Finger bekam und bekam so vielfältige Eindrücke von den unterschiedlichsten Orten der Welt.

Sie konnte ihrer Neugier auf die Welt außerhalb Schwedens wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Rahmen einer Reportagereise in die USA für das Frauenmagazin Damernas Värld nachgehen. Ihre Schilderungen von der Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den USA sind scharf und extrem kritisch (Kati in Amerika) und ein deutliches Exempel für Astrid Lindgrens Empathie für die Menschen, denen es schlecht ging, egal wo auf der Welt.

Sie hatte ein ungewöhnlich ausgeprägtes Interesse an Menschen und ihrer Lebenssituation, wo auch immer in der Welt. Sie konnte es nicht bleiben lassen, sich in menschliche Schicksale hineinzuversetzen, reale oder frei erfundene, und dann mit Humor und Ernst darüber zu schreiben, damit alle anderen auch die Möglichkeit hatten, zu sehen, was sie sah. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, wieso ihre Bücher auf der ganzen Welt gelesen werden.