Bücher, die Debatten ausgelöst haben
Astrid Lindgrens Bücher lösten in regelmäßigen Abständen kontroverse Debatten zwischen Kinderbuchexperten, Literaturforschern, Kulturwissenschaftlern und gewöhnlichen Bloggern aus. Dabei entfachten sich die Debatten nicht zuletzt an der ungezügelte Pippi Langstrumpf und Astrids direkter Art, über Krankheit und Tod zu schreiben.
Bereits 1950 schrieb Astrid Lindgren in ihrem Buch Sammelaugust und andere Kinder von Krankheit und Tod. Ihre Antwort darauf, was man Kindern beim Lesen zumuten könnte: ”Man sollte ihnen nicht vorenthalten, womit sie im realen Leben konfrontiert werden, finde ich. Im Übrigen möchten Kinder angerührt werden und über das weinen, was sie lesen. Das geht schnell wieder vorbei.”
”Übrigens bin ich der Meinung, dass Kinder in gewisser Weise selber die Bücher zensieren, die sie lesen. Sie sehen mit inneren Augen die Szenen gerade so, wie sie in der Lage sind, sie zu erfassen. Das Tragische wird niemals allzu tragisch, das Schreckliche nie allzu schrecklich.”
Pippi Langstrumpf
Als Pippi Långstrump geschrieben wurde, wurde in Schweden gerade eine Debatte über die Verrohung der Jugend geführt, eine Debatt, die Astrid Lindgren sicher verfolgt hat.
Beim Erscheinen 1945 wurde das Buch sehr positiv aufgenommen. Die Debatte nahm ihren Anfang, als ein Professor der Psychologie das Buch als geschmacklos bezeichnete und sagte, Pippi benehme sich ”geisteskrank” und er sähe die Gefahr, dass andere Kinder sich von ihr inspirieren ließen. Astrid mischte sich in die Debatte ein und verteidigte das Recht der Kinder, die Welt frei zu entdecken. Sie prägte eine Aussage, die später unzählige Male zitiert wurde: ”Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein”.
1995 entfachte die Diskussion von Neuem. Der ”Pippi-Kult” sollte Schuld an der mangelnden Reife Jugendlicher sein. Die Debattierenden kritisierten nun, dass die Bücher die Fixierung auf das Ich und das ums eigene Ich kreisende Bewusstsein verherrlichten. 2004 wurde diskutiert, ob Pippi Rassistin war, weil Sie das Wort ”Neger” benutzt. In China führte Pippis Art, mit Polizisten umzuspringen, 2008 zu einer öffentlichen Debatte. Und in vielen Bloggs löst Pippi heute noch Diskussionen der unterschiedlichsten Art aus.
Die Brüder Löwenherz
In Verbindung mit dem Buch und später mit dem Film Die Brüder Löwenherz wurde diskutiert, ob die Schlussszene eine Verherrlichung von Selbstmord ist und dass das Leben eines Menschen nichts wert war, wenn man gelähmt oder auf andere Weise behindert war.
Hinter dem Eisernen Vorhang, in der Tschechoslowakei, wurden Die Brüder Löwenherz aus anderen Gründen kontroversiell diskutiert. Das Buch wurde nicht vor 1992 publiziert, nach der Samtrevolution, als eine nicht-kommunistische Regierung die Macht übernahm. Dabei war das Buch bereits 1981 ins Land geschmuggelt, übersetzt und als sogenannte Samizdat-Ausgabe verbreitet worden. Auf hauchdünnen, maschinengeschriebenen Seiten wurden die Bücher mit der Hand gebunden und wie Untergrund-Literatur verbreitet. Eins dieser handgebundenen Exemplare ist in der Königlichen Bibliothek in Stockholm.
