MUT UND ZIVILCOURAGE

”Aber es gibt Dinge, die man tun muss, sonst ist man kein Mensch, sondern nur ein Häuflein Dreck”, sagte Jonathan.

Aus: Die Brüder Löwenherz (1973)
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Astrid Lindgren war nicht nur eine der bekanntesten Autorinnen Schwedens. Sie war auch eine der bedeutendsten Meinungsbildnerinnen des Landes.

Ihr ganzes Leben hindurch hat sie sich konsequent gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung eingesetzt. Ihr Engagement für die Rechte der Kinder begann schon sehr früh. Parteipolitisch fühlt sie sich seit den frühen 30er Jahren bei den Sozialdemokraten zu Hause.

Früh in den USA

Während des Zweiten Weltkrieges bezog sie privat klar Stellung gegen den Nationalsozialismus und Adolf Hitler. Wenige Jahre nach Kriegsende reiste sie in die USA. In ihrem Buch Kati in Amerika (1950) schreibt sie mit Feuereifer und Pathos über die Politik der Rassentrennung in den USA. Sie ergreift in Romanform eindeutig die Partei der Schwarzen und lässt Kati nach einem Besuch eines Schwarzenviertels “heftige Verfluchungen meiner eigenen Rasse” ausstoßen.

Astrid Lindgren und der Expressen

Astrid Lindgren freundete sich in den 70er Jahren mit der Autorin Margareta Strömstedt an, deren Ehemann Bo Strömstedt Kulturchef der Abendzeitung Expressen war. 1976 schrieb Astrid einen groß aufgemachten Artikel in Gestalt eines Märchens, das sie Pomperipossa in Monismanien nannte. Der Artikel war ein scharfer Angriff auf die sozialdemokratische Regierung und deren Steuerpolitik, und in der folgenden Debatte äußerte Astrid Lindgren desweiteren Kritik am diktatorischen Auftreten der Regierungspartei.

“Astrid Lindgren war amüsiert über die Polemik. Angespornt durch die spürbare Empfänglichkeit sah sie ein, dass sie mit ihren Artikeln eine Menge erreichen konnte”, erzählt Bo Strömstedt, der 1977-1991 Chefredakteur beim Expressen war.

Astrid Lindgren wurde durch diese Debatte zur massiven Gegnerin der Regierung. Das war sicher nicht ihre Absicht, aber ihre Artikel – zusammen mit Ingmar Bergmans Abschiedsbrief an Schweden, der ebenfalls in der Abendzeitung Expressen abgedruckt wurde – trugen nach vierzig Jahren Amtszeit sicher nicht unwesentlich zur Wahlniederlage der sozialdemokratischen Regierung bei den Wahlen im gleichen Jahr bei. Aus den Artikeln entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit Astrid Lindgrens mit dem Expressen.

Die Debatten lösen einander ab

1980 war es Zeit für die nächste große politische Streitfrage in Schweden: Die Volksabstimmung zur Kernkraft. Astrid Lindgren wurde eine der bekanntesten Fürsprecher für die ablehnende Seite.

Im Herbst 1985 begab sie sich in die nächste Debatte, dieses Mal zur schwedischen Tierhaltung. Sie schrieb mehrere Artikel in der Abendzeitung Expressen, die den Menschen erstmals bewusst machten, wie unwürdig das Leben von Schweinen, Kühen, Hühnern und anderen Tieren in der Massentierhaltung in Schweden war. Das Thema lag Astrid, die sich Zeit ihres Lebens als Bauernmädchen empfand, verständlicherweise besonders am Herzen. Die Artikel wurden in dem Buch Meine Kuh will auch Spaß haben zusammengefasst (1990).

Zu ihrem 80. Geburtstag bekam Astrid Lindgren vom damaligen sozialdemokratischen Ministerpäsidenten Ingvar Carlsson ein neues Tierschutzgesetz geschenkt, das Lex Lindgren, aber als es schließlich verabschiedet wurde, war es in mehreren wichtigen Punkten verwässert. “Soll ich mich etwa geschmeichelt fühlen, weil dieses sinnlose Gesetz nach mir benannt wird?” fragte Astrid in einem Artikel im März 1988.

Unschlagbare Meinungsbildnerin

Viele Personen und Organisationen haben im Laufe der Jahre Astrid Lindgrens Unterstützung für Kampagnen und ihre Meinung zu den unterschiedlichsten Fragen erbeten. Daran mag abzulesen sein, was für eine meinungsbildende Macht zu Lebzeiten von ihr ausging. Als öffentliche Meinungsbildnerin war sie unschlagbar, aber es gibt auch unzählige Beispiele, wie sie im Stillen einzelne Menschen unterstützte und ihnen in einer ungerechten Welt zu ihrem Recht verhalf.

Astrid Lindgrens gesamtes Handeln folgt einer unerschütterlichen und konsequenten Linie: dem Kampf für das Recht aller Kinder auf Geborgenheit und Liebe. Diese innere Einstellung zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Lebenswerk.

Als Astrid Lindgren 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam, trug sie ihre Dankesrede als Aufforderung vor: “Niemals Gewalt!”

In der Dankesrede, die auch heute noch brandaktuell ist, spricht sie sich mit Eifer gegen Gewalt, Züchtigung und unterdrückende Erziehungsmethoden aus. In Deutschland wurde die Rede kontrovers aufgenommen. Erst als Astrid drohte, den Preis nicht anzunehmen, wurde ihr gestattet, die Rede bei der Preisverleihung zu halten. Im darauf folgenden Jahr wurde in Schweden ein Gesetz Für das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung erlassen.

Ingvar Carlsson bei Astrid zu Hause in Verbindung mit dem neuen Tierschutzgesetz. © Bengt Dahlstedt, ScanpixAstrid Lindgren als Pomperipossa, 1976. © Per Kagrell, ScanpixFinanzminister Gunnar Sträng liest Astrid Lindgrens Artikel über Pomperipossa. © Sven-Erik Sjöberg, ScanpixBo Strömstedt, Chefredakteur der Abendzeitung Expressen mit Astrid Lindgren. © Kenneth Jonasson, Expressen