Meine Großtante Astrid
”Ich bin mit Astrid Lindgren verwandt.”
Mir, meinen Geschwistern, Cousinen und Cousins war früh bewusst, dass in diesen Worten etwas Besonderes und Großes verborgen lag. Wir verwendeten sie nicht unnötig, aber hin und wieder, zu besonderen Anlässen, holten wir sie hervor, und immer mit dem gleichen Effekt. Das Alter der Zuhörer spielte keine Rolle, auch nicht, worüber noch eine Minute zuvor gesprochen worden war. Sobald die magischen Worte ausgesprochen wurden, geriet alles andere plötzlich ins Stocken und man befand sich im Zentrum des Geschehens.
Darauf folgte natürlich die unvermeidliche Frage.
”Wie seid ihr verwandt?”
Dieser Moment war ein wenig riskant, jetzt kam es darauf an, taktisch klug zu antworten, um die Aufmerksamkeit nicht wieder zu verlieren, die man in dem Moment nötig zu haben glaubte. Denn wer kennt schon die Schwester seines Großvaters oder die Tante der Mutter? Die meisten wissen noch nicht einmal, ob es überhaupt irgendwelche Großtanten in ihrer Verwandtschaft gibt. Denn bedauerlicherweise hat nicht jeder Zugang zu einem Ort wie Näs. So wie wir in unserer Familie. Und ich denke, jeder von uns ist sich bewusst, was für ein Geschenk das ist.
Eines Samstags im August 1894 legte mein Urgroßvater Samuel August Ericsson zu Fuß den zwanzig Kilometer weiten Weg zwischen Vennebjörke und seinem Elternhaus in Sevedstorp zurück. Astrid erzählt in ”Das entschwundene Land” von diesem Fußmarsch, dem es zu verdanken ist, dass die Familie Ericsson die Pacht des Hofes in Näs übernahm. Später übernahm Samuel August die Pacht von seinen Eltern. Seine und Hannas vier Kinder (mein Großvater Gunnar und seine Schwestern Astrid, Stina und Ingegerd) wuchsen auf dem Hof auf, und als Samuel August zu alt wurde, war es an meinem Großvater, den Hof zu übernehmen. Meine Mutter und ihre beiden Schwestern wurden in Näs geboren und waren die zweite Generation Bullerbü-Kinder.
Ich selbst bin in Huskvarna geboren und aufgewachsen. Aber wir fuhren fast jedes Wochenende die hundertzehn Kilometer zu Großmutter und Großvater nach Näs bei Vimmerby, und verbrachten die meisten Weihnachtsfeiertage und Ferien dort in einem seligen Gewimmel von Tanten, Onkeln und Cousinen. Die Großtanten besuchten mehrmals im Jahr ihr Elternhaus. Astrid häufiger, denn als die Landwirtschaft und die Pacht 1965 aufgegeben wurden, kauften Großvater und Astrid die Wohnhäuser von Näs. Astrid ließ das rote Haus, das den Namen Bullerbü trägt, renovieren und so einrichten, wie es in ihren Kindertagen aussah. Dort wohnte sie, wenn sie nach Näs kam, und dort hat sie mit den Enkeln ihres Bruders das Hexenspiel gespielt. Was besonders Spaß machte, wenn wir mit Astrid spielten, war, dass wir uns nie wirklich sicher waren, ob sie sich nicht tatsächlich in eine Hexe verwandelt hatte, weil sie so überzeugend spielte. Das war bei Erwachsenen normalerweise nicht so. Das Spiel ging folgendermaßen: die Hexe wohnte in der Küche. Von dort steckte sie den alten Brotschieber durch die Küchentür, auf den sie kleine Schokoladenstückchen als Köder gelegt hatte. Natürlich wussten wir, dass wir an dem Brotschieber kleben bleiben würden, wenn wir die Schokolade nahmen, aber es gehörte zum Spiel, dass wir das jedes Mal wieder vergaßen. Wenn wir dann festklebten, zog sie uns zu sich in die Küche und steckte uns in die Brennholzkiste. Mit Hexenstimme sagte sie dann, dass sie jetzt die Schafschere holen würde, um uns unsere schönen Haare abzuschneiden. Um die Schere vom Regal zu nehmen, musste sie uns den Rücken zudrehen und sich strecken, und das war unsere Chance. Flink wie die Wiesel ergriffen wir die Gelegenheit und öffneten den Deckel, kletterten aus der Kiste und entwischten in die Freiheit. Aber manchmal war die Hexe auch unberechenbar. Dann pfiff sie auf den Brotschieber und ihre ausgeklügelte Fangmethode und kam einfach aus ihrer Höhle geschossen. Das gab eine wilde Jagd zwischen Kammer, Wohnzimmer und Flur. Der einzige sichere Fluchtort für uns war unter den Betten im Gästezimmer, und ich erinnere mich, wie ich einmal dort lag und meine drei Jahre jüngere Cousine zu trösten versuchte, die vielleicht noch ein bisschen zu klein war, um das Hexenspiel richtig schätzen zu können. Sie lag an die Wand gedrückt da und weinte hysterisch, und ich tat mein Bestes, um sie zu trösten. Wohl nicht nur aus Mitgefühl, sondern auch aus Angst, dass das Spiel vorbei wäre, wenn Astrid zufälligerweise aus der Hexe hervorschaute und die zu Tode erschrockene Vierjährige unter dem Bett entdeckte.
Ich denke, es täte allen Menschen gut, einen Familientreffpunkt wie Näs zu haben. An dem man in direkt absteigender Linie zu seinen Wurzeln hinabsteigen und zwischen zurückgelassenen Dingen herumstöbern kann. An dem man über alle Generationsgrenzen hinweg miteinander umgeht und sich durchs Leben begleitet, nicht unbedingt im Alltag des Einzelnen, aber an dem man in regelmäßigen Abständen zu seinem Ursprung zurückkehrt und Erfahrungen miteinander teilt. Zu wissen, dass wir alle dort zu finden sind, falls oder wenn es nötig ist. Ich habe das immer als ein sicheres Schutznetz empfunden.
Während ich das hier schreibe, sitze ich in der oberen Etage des”neuen” Hauses auf Näs, das 1920 gebaut wurde, als das rote Haus zu klein für die wachsende Familie wurde. Rechts von mir steht der weiße Vitrinenschrank, der auf vielen alten Familienbildern zu sehen ist. Darin liegen Samuel Augusts Medaillen für seine erfolgreiche Pferdezucht, eine Silberplakette von 1925 mit eingravierter Gratulation zu seinem 50. Geburtstag, ein gerahmtes Foto meiner Mutter als Kind, die Reiseerinnerungen der Eltern meiner Mutter aus den 50er und 60er Jahren, kleine, undefinierbare Tonfiguren, sicher frühe Weihnachtsgeschenke von mir und meinen Cousinen. Es gibt keine besondere Ordnung, es sind einfach lauter kleine Erinnerungsbruchstücke aus der Familiengeschichte. Und durch die Wand zum Nachbarraum, der früher Astrids und Stinas Schlafzimmer war, höre ich meine Teenager-Kinder mit ihren gleichaltrigen Cousinen flüstern. In demselben Zimmer, in dem ich früher mit meinen Cousinen gesessen und geflüstert habe. Und ich empfinde ein tiefe Dankbarkeit, das hier erleben zu dürfen.
”Das sind schon wunnerliche Kinner” sagte Samuel August im Herbst seines Lebens, als er darüber nachdachte, dass seine vier Bauernkinder erwachsen geworden waren und beruflich alle mit Sprache zu tun hatten. Großvater und Astrid als Schriftsteller, Stina als Übersetzerin und Ingegerd als Journalistin. Großvater (das Vorbild für Lasse in Bullerbü) starb, als ich 9 Jahre alt war, und je mehr ich über ihn hörte, desto größer kommt mir der Verlust vor, ihn nicht als Erwachsene kennen gelernt zu haben. Die Großtanten hingegen hatten immer einen zentralen Platz in der Familie, und sicher waren sie wunnerlich, aber im positivsten Wortsinn. Ich erinnere mich an einen Wochenendausflug im November 1996. Das war im Jahr, bevor Ingegerd starb, weswegen ich besonders froh bin, dass wir diese Reise gemacht haben. Astrid, Stina und Ingegerd waren zu einer Astrid Lindgren-Konferenz in Vimmerby eingeladen, und ich hatte das große Vergnügen, während des Wochenendes ihr Chauffeur zu sein. Von Stockholm nach Vimmerby, zwischen unzähligen Veranstaltungen, zu denen die Schwestern erwartet wurden, und am Sonntag wieder zurück nach Stockholm. Rein und raus aus dem Auto, Sicherheitsgurte an- und abschnallen, und auf einer kürzeren Strecke war sogar meine Mutter im Kofferraum dabei. (Es war ein Kombi, so schlimm war es also nicht für sie.) Erschöpft aber gut gelaunt ließen sich die Schwestern durch Vimmerby kutschieren. Drei Frauen um die 90, körperlich etwas mitgenommen, aber mit einem Verstand, der buchstäblich Funken sprühte. Ihre Schlagfertigkeit und Intelligenz, ihr Humor. Dort in dem Auto wurde das mit einem Mal so greifbar. Im Laufe dieses Wochenendes sah ich ein, dass es wohl kaum bessere weibliche Vorbilder geben konnte. Und mir fiel auf, dass ich sie während meiner gesamten Kindheit nie ein Wort zum Feminismus oder mangelnder Gleichberechtigung hatte äußern hören, als wäre ihnen gar nie in den Sinn gekommen, dass nicht alle Menschen gleich behandelt wurden. Sie nahmen einfach auf ganz selbstverständliche Weise ihren Platz in Anspruch, und entsprechend wurden sie behandelt. Anstatt die Welt in ”weiblich” und ”männlich” aufzuteilen, dachte sie, glaube ich, ”menschlich”.
Aber zurück zu meiner Kindheit, als ich begriff, dass etwas Besonderes und Glanzvolles in den Worten lag, dass wir mit Astrid Lindgren verwandt waren. Für mich war sie eine von drei schillernden Großtanten, aber niemandem verschlug es die Sprache, wenn ich sagte, ich wäre mit Stina oder Ingegerd verwandt. Ein wenig unbegreiflich war das schon. Aber je älter ich wurde, desto mehr verstand ich. Astrid war etwas ganz Besonderes. Dass Astrid Lindgren all die Bücher geschrieben hatte, die wir liebten und immer wieder lasen, war natürlich an sich schon unerhört bewundernswert, aber es stand ihr ja nicht auf die Stirn geschrieben, und sie redete auch nicht ständig darüber. Nein, es war der Mensch Astrid, der mir immer einzigartiger erschien, je älter ich wurde und je mehr ich verstand.
Wenn Wohlwollen ein Charakterzug ist, habe ich nie wieder einen Menschen getroffen, bei dem diese Eigenschaft so ausgeprägt war wie bei Astrid. Immer für andere da sein. Niemals nach dem eigenen Vorteil fragen, sondern selbstverständlich, wenn es ihr möglich war, mit Geld oder ihrer bloßen Anwesenheit anderen bei der Lösung ihrer Probleme helfen. Sich mit großer Empathie in andere hineinzuversetzen, und egal, ob es sich um Verwandte, Freunde oder völlig fremde Menschen handelte, ihre ganze Energie zur Verfügung stellen. Im Großen wie im Kleinen. Wenn sie helfen konnte, tat sie es.
Sie zieht sich durch mein Leben wie ein roter Faden. Im Nachhinein fällt es leichter, die Weggabelungen im eigenen Leben zu erkennen, und an denen, die für mich am entscheidendsten waren, war Astrid dabei. Zum Beispiel, als ich als 20-Jährige nach Stockholm zog. In Huskvarna hatte ich als Requisiteurin am Jönköpings Länsteater gearbeitet, und mein Plan war es, mich an einem der Stockholmer Theater zu bewerben. Astrid hielt das für riskant, weil man nicht wissen konnte, an was für einem zwielichtigen Theater ich da womöglich landete. (Wahrscheinlich dachte sie an die Warnungen über weiße Sklavenhändler, die ihr mit auf den Weg gegeben worden waren, als sie sechzig Jahre früher unter ganz anderen Umständen in die Hauptstadt gezogen war.) Svensk Filmindustri wollte gerade ”Wir Kinder aus Bullerbü” drehen, und Astrid fragte den Produzenten, ob ich mich nicht vielleicht als ”Film-Architektin” nützlich machen könnte. Mir war natürlich klar, dass der arme Produzent kaum abschlägig auf ihre Anfrage antworten konnte, und niemals in meinem Leben habe ich mich so mächtig ins Zeug gelegt, der perfekte Arbeitnehmer zu sein, wie bei diesen Dreharbeiten. Ich wollte mich ihres Vetrauens würdig erweisen. Und offensichtlich habe ich die Probe bestanden, da ich zwölf Jahre in der Filmbranche blieb. Aber es war Astrid, die die Tür aufgestoßen hatte.
Oder als der Vermieter der Wohnung, in der mein Freund und ich vier Jahre zur Untermiete gewohnt hatten, plötzlich den Hauptmieter loswerden wollte – womit auch wir auf der Straße gelandet wären. Das fand Astrid so ungerecht, dass sie sich anbot, mit uns zum Mieterverein zu gehen. Sie lief durch die großzügigen Räumlichkeiten in der Hantverkargatan und sah dem Mann, mit dem wir unseren Gesprächstermin hatten, streng in die Augen und sagte: ”Hier wäre ja genügend Platz für einen ganzen Haufen obdachloser junger Menschen.”
Astrid war so oft für mich da. Mir ist bewusst, dass mein Leben heute ohne Astrid anders aussehen würde. Und das erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.
Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich bewusst unsere Verwandschaft verschwiegen. Als ich selber überraschend und ohne Vorwarnung mein erstes Buch schrieb. Ich war über einen längeren Zeitraum krank geschrieben und niemand wusste, dass ich an einem Buch schrieb, im Grunde genommen nicht einmal ich selber. Das war mir erst klar, als es fertig war. Das Schreiben für mich zu entdecken, war, wie einen verborgenen Raum zu betreten, in dem ich noch nie gewesen war, und nachdem ich ihn einmal entdeckt hatte, wollte ich dort bleiben. Aber aus eigenem Antrieb und nicht mit Hilfe anderer. Selbstverständlich hätte ich Astrid um Rat fragen können, aber das habe ich nicht getan. Erst als der Verlag, an den ich mein Manuskript geschickt hatte, mir mitteilte, dass sie mein Buch veröffentlichen wollten, habe ich Astrid angerufen und ihr die frohe Botschaft überbracht. Sie war genauso überrascht wie alle anderen in der Familie. Da ich nie irgendwelche schriftstellerischen Ambitionen gezeigt, geschweige denn versucht hatte, etwas zu schreiben, schlug die Nachricht ein wie eine Bombe. Im positiven Sinn. Ich bat meinen Verlag, unsere familiäre Verbindung nicht zu erwähnen. Der Gedanke, jemand könnte glauben, ich hätte Astrids einzigartiges Schreibtalent für mich ausgenutzt, war mir äußerst peinlich, und erst nach meinem dritten veröffentlichten Buch wagte ich, voller Stolz von meiner fantastischen Großtante zu erzählen.
Etwas, das jeden von uns erstaunte, war, wie unberührt Astrid ihr enormer Ruhm ließ, als würde es sie gar nicht betreffen. Er interessierte sie nicht, alle Ehrbezeugungen und schönen Worte perlten an ihr ab und drangen nie bis zu ihrem innersten Kern vor und veränderten sie. Sie war die, die sie immer war, und das blieb sie auch bis zum Ende ihres Lebens.
Lassen Sie es mich mit Hjalmar Söderbergs berühmten Worten sagen:
”Man will geliebt werden; wenn das nicht gelingt, will man bewundert werden; wenn das nicht gelingt, will man gefürchtet werden; gelingt auch das nicht, will man verabscheut und verachtet werden. Der Seele graut es in der Leere, und sie muss Kontakt herstellen, koste es, was es wolle.”
Wenn Hjalmar Söderberg recht hatte, was anzunehmen ist, liegt hier möglicherweise eine Erklärung. Denn Astrid selber schrieb:
”Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung ein Leben lang.”
Von Kindesbeinen an war Astrid in diese ungeheure Liebe eingehüllt, die vor allen Dingen ihr Vater Samuel August in ihrem Elternhaus um sich verbreitete. Und auch sonst war Astrid von viel Liebe umgeben, denn wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es wieder hinaus. Eltern, Geschwister, Kinder, Enkel, Urenkel, Verwandte und Freunde. Alle haben sie sie geliebt, für das, was sie war, und nicht für die fantastischen Bücher, die sie schrieb. Vielleicht liegt dort die Erklärung. Dass die Liebe sich zu einem frühen Zeitpunkt in ihr eingenistet hat, und dass sie niemals das Bedürfnis verspürte, dieses Nest zu verlassen und ihre Befriedigung in der Bewunderung zu suchen. Ich habe häufig erlebt, wie mächtige Männer in Anzügen sich in ihrer Gegenwart in kleine Jungen verwandelten. Astrid behandelte alle Menschen, denen sie begegnete, mit dem gleichen Respekt, egal ob es sich um königliche Majestäten oder Landstreicher handelte. Wie müde auch immer sie sein mochte und wie gerne sie manchmal einfach ihre Tür zugemacht hätte, um ein bisschen Ruhe zu haben, so ließ sie ihre Frustration doch niemals an demjenigen aus, der sich zufällig in so einem Moment zu nähern wagte. Da als etwas ”Besseres” behandelt zu werden, fast wie eine Gottheit, muss schwer erträglich für sie gewesen sein. Ich erinnere mich jedenfalls, dass sie manchmal, wenn ihr der Wirbel um sie zu viel wurde, sagte: ”Ich habe diese Astrid Lindgren so satt.”
Astrid beschrieb sich häufig selbst als tief melancholisch, und ihre Betrübnis über Ungerechtigkeiten und Leiden war intensiv und echt. Trotzdem war da immer ihr Witz, hatte sie immer eine schlagfertige Antwort parat. Für mich verlieh sie dem Galgenhumor ein Gesicht. Sie hat in ihrem Leben schwere Zeiten durchgemacht, aber statt zu verbittern oder zu verdrängen, setzte sie sich mit den Erlebnissen auseinander, um sich besser in die Situation anderer Menschen hineinversetzen zu können. Bei einer Gelegenheit räumte sie einmal ein, dass ihr Erfolg ihr möglicherweise etwas mehr Selbstvertrauen gegeben hätte, und dieses Selbstvertrauen ließ sie nicht brach liegen, sondern nutzte es, wenn sie sich in die öffentliche Debatte einmischte und den Ungerechtigkeiten den Kampf ansagte, wo immer sie welche sah. Bis ins hohe Alter hinein gab sie dem eine Stimme, was viele dachten, aber nicht wussten, was sie dagegen tun sollten. Eine Stimme für diejenigen, die nicht über das nötige Instrumentarium verfügten, zu widersprechen. Aber es war nicht so, wie viele glaubten, dass Astrid von sich die öffentliche Debatten suchte – jedenfalls nicht in späteren Jahren. Sie wurde ständig von Einzelpersonen oder Organisationen aufgesucht, die wollten, dass sie sich zu diesem oder jenem äußerte. Bei einem Besuch in Näs Anfang der 90er Jahre war sie ”diese Astrid Lindgren” mal wieder merklich leid, die niemals in Ruhe gelassen wurde. Wir rieten ihr, nicht immer so nett zu sein, sondern auch mal abzulehnen, wenn es ihr zu viel wurde. ”Ihr wisst ja nicht, wie lange es dauert, Nein zu sagen”, antwortete sie. ”Ich habe eingesehen, dass meine Worte einigermaßen Gewicht haben, und wenn jemand möchte, dass ich mich zu etwas äußere, das mir selber wichtig ist, dann tue ich das auch.”
Genau dieser Charakterzug ist es, der Astrid für mich so vollkommen einzigartig macht. Dass es möglich ist, sich jeden Tag aktiv für das Gute zu entscheiden, so dass sich etwas verändert.
Natürlich ist es tröstlich, dass sich genau aus diesem Grund so viele Menschen hinter sie gestellt und in ihr Herz geschlossen haben. Dass sie, weil sie sich erhoben hat, um etwas an den gegebenen Zuständen zu verändern, in unseren Herzen weiterlebt als großes Vorbild für Gerechtigkeit, Wohlwollen und gesunde Vernunft.
Oh, wie ich mir ihren Mut wünschte! Ihren Mut, sich in die Debatte einzumischen, wenn etwas sie störte und zu streiten, ohne sich zu ducken. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wenigstens ein winziger Funke ihres Mutes in meinen Genen gelandet ist. Denn ich bin verwandt mit Astrid Lindgren. Ja, das bin ich.
– ICH BIN VERWANDT MIT ASTRID LINDGREN!
Karin Alvtegen
