Die Zeit bei Rabén & Sjögren

Durch den Erfolg von Pippi Langstrumpf wuchs der Buchverlag Rabén & Sjögren schnell, und bald schon klagte der Verlagschef Hans Rabén über zu viel Arbeit. Seine gute Freundin Elsa Olenius, eine der größten Autoritäten der Zeit in der schwedischen Kinderbuchbranche, schlug ihm vor, Astrid Lindgren einzustellen, die ausgebildete Stenotypistin und Maschinenschreiberin. 1946 wurde Astrid mit der Verantwortung für das Kinderbuchprogramm betraut und befand sich damit in der ungewöhnlichen Situation einer Doppelrolle im Verlag.

Astrid war für ihre enorme Arbeitskapazität bekannt. Die anspruchsvolle Arbeit im Verlag und das eigene Schreiben parallel zu bewältigen, ist zweifellos bewundernswert. Vormittags saß sie zu Hause auf ihrem Bett und stenografierte ihre Bücher. Nach einem schnellen Mittagsimbiss und einem zügigen Fußmarsch zum Verlag in die Tegnérgatan, begann ihre nachmittägliche Arbeit als Kinderbuchlektorin.

Eine Arbeitskapazität über das Normale hinaus

Zu ihrer Arbeit gehörte, sich mit Autoren und Illustratoren zu treffen, Manuskripte zu lektorieren, Absagebriefe zu schreiben, sich um die Auslandslizenzen zu kümmern, aber auch, Autoren zu sich nach Hause zum Essen einzuladen und zu Buchhandelstreffen zu gehen, um das Verlagsprogamm vorzustellen. Dabei kamen ihr viele ihrer Talente zugute: Sie schrieb die Rückseitentexte für die Bücher und Katalogtexte selber, konnte schnell und korrekt Maschine schreiben und nicht zuletzt zügig lesen. Außerdem hatte sie sich, unter anderem durch einen kurzen Aufenthalt an der Kunstschule, die Fähigkeit angeeignet, Bilder zu beurteilen, und sie hatte einen guten Riecher für die Auftragssvergabe an Illustratoren und die Auswahl von Bildern für die Buchcover.

Die Kinderliteratur nimmt immer mehr Platz ein

Das Publikatonsvolumen des Verlages wuchs, die Veröffentlichung von Kinderbüchern erwies sich als lohnendes Geschäft, und die Anzahl der Titel erhöhte sich stetig. Astrid hatte bei der Autorenaquise und der Auswahl der Titel mehr oder weniger freie Hand. So gestaltete und erlebte sie die Entwicklung eines grundlegenden Teils der schwedischen Kinderliteratur mit. Lennart Hellsing, Harry Kullman, Åke Holmberg, Viola Wahlstedt, Anna-Lisa Lundkvist, Edith Unnerstad und später Barbro Lindgren, Hans Peterson und viele andere. Die Manuskripte mancher Autoren waren von Anfang an perfekt, anderen Autoren gab sie Tipps und Ratschläge, wie sie ihre Texte bearbeiten und verbessern konnten. Astrid hatte eine klare Vorstellung, was wichtig für ein Kinder- oder Jugendbuch war: Die Einleitung musste unmittelbar das Interesse des Lesers wecken und Worte und Begriffe so gewählt werden, dass Kinder sie verstanden und etwas damit verbinden konnten. Davon abgesehen sollte ein Buch schlicht und einfach gut sein!

Astrid war viele Jahre alleine für das Kinderbuchprogramm im Verlag verantwortlich und kümmerte sich um den Rechteverkauf ihrer eigenen Bücher ins Ausland. Ab Anfang der 50er Jahre bekam sie Unterstützung von Marianne Eriksson, die als Lektoratssekretärin eingestellt wurde, und von Kerstin Kvint, die als Büroangestellte im Verlag anfing und bald für die Lizenzverkäufe des Verlages ins Ausland zuständig war.

Das Recht der Kinder auf Fantasie

Astrid beteiligte sich eifrig mit Artikeln und Leserbriefen in diversen Publikationen an der Debatte über Kinderliteratur und den Kinderbuchmarkt, und sie trug wesentlich dazu bei, den Status des Kinderbuches zu erhöhen. 1958 schrieb sie in der Zeitschrift Skolbiblioteket den Beitrag: ”Deshalb brauchen Kinder Bücher”, in dem sie darlegte, wie wichtig Fantasie für uns alle ist und dass die ”Fantasie der Kinder Bücher braucht, um zu leben und zu wachsen”.

Einer ihrer absoluten und für die Zeit keineswegs selbstverständlicher Standpunkte war, dass Kinderbücher denselben Qualitätsanspruch erfüllen sollten, wie es Erwachsenenbüchern abverlangt wurde, unter den gleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen. Der große Erfolg des Buchverlages Rabén & Sjögren basierte auf den vielen guten Kinderbüchern, die dort im Laufe der Jahre erschienen waren, und deshalb war Astrid äußerst verärgert, als der Verlag ein Stipendium stiftete und es an einen Erwachsenenliteratur schreibenden Autor vergab. Sie forderte unmittelbar, auch ein Kinderbuchstipendium auszuschreiben, was dazu führte, dass zu Astrids 60. Geburtstag 1967 ein Astrid Lindgren-Preis eingerichtet wurde, der bis heute jedes Jahr in Schweden vergeben wird.

Marianne Eriksson und Astrid Lindgren. Tegnérgatan vor dem Verlag. Astrids SammlungHans Rabén und Astrid. © Stig-Göran Nilsson, Aftonbladet BildSchreibend auf dem Bett in der Dalagatan. Astrids SammlungArbeitszimmer in der Dalagatan. Privates Foto