Wie Astrid Lindgren Barbro Lindgren inspirierte

In den fast 25 Jahren, die sie als Verlagslektorin arbeitete, hat Astrid Lindgren unendlich viele Manuskripte geschickt bekommen und gelesen, und hoffnungsvollen Schreibern Ratschläge, Vorschläge und Inspiration gegeben. Im Laufe ihrer Tätigkeit wurden viele bedeutende Schriftsteller und Illustratoren eingeführt, zum Beispiel Åke Holmberg, Harry Kullman, Edith Unnerstad, Hans Peterson, Ann Mari Falk, Kerstin Thorvall und Barbro Lindgren.

Hier kann man den Brief lesen, den Barbro Lindgren mit ihrem Debutmanuskript zurückgeschickt bekam, und der sie, wie Barbro selbst sagt, das Wichtigste gelehrt hat, was man beim Schreiben für Kinder beachten muss. Der Brief wurde am 20.12.1964 geschrieben.

Beste Barbro Lindgren!

Mats ist ein netter kleiner Junge, der einem sympathisch wird, genau wie die Autorin, die so viel über Kinder weiß. Aber sie weiß nicht ganz so viel darüber, wie man in einem Manuskript die Spannung aufbaut und durchhält, und das hat denselben Grund, der so viele andere Manuskripte zu Fall gebracht hat – die Autorin macht es sich ein bisschen zu einfach und schlittert von einer Episode zur anderen, ohne die einzelnen genügend auszuschöpfen. So machen es viele, viele, weil das der einfache Weg ist, Bücher zu schreiben.

Aber was Sie betrifft, hat man das Gefühl, dass sich eine Kraftanstrengung lohnen würde und Sie das Buch zu etwas mit dem richtigen Biss umarbeiten sollten. Ja, aber wie vorgehen, ich wünschte, ich könnte Ihnen erklären, was ich meine, damit Sie mir glauben! Ich kann Ihnen nur ein paar Richtlinien geben. Zu allererst, nicht so viele Ereignisse und nicht so viele Personen, wie Sie sie sozusagen im Blick haben. Jedes Kapitel sollte eine mehr oder weniger eigenständige Kurzgeschichte mit einem festen Kern sein.

Tun Sie so, als hätten Sie den Auftrag erhalten, eine ordentlich ausgeführte Schilderung darüber zu schreiben, wie Mats einmal zu seiner Großmutter durchgebrannt ist – wie er glaubte – das wäre so eine Kurzgeschichte, von der ich spreche. Das gleiche gilt für die Episode, wenn Lill-Fia verkauft werden soll, tun Sie so, als hätten Sie den Auftrag erhalten, darüber zu schreiben, und nur darüber, und das tun Sie so lange, bis Sie das Gefühl haben, dass die Spannung auf genau die richtige Weise aufgebaut ist und bis zum Schluss durchhält. Damit hätten Sie noch eine schöne Kurzgeschichte für ein Kapitel in dem Buch über Mats.

Das Kapitel ”Im Theater” können Sie gern streichen, das ist nur für Erwachsene komisch, die wissen, was Theater ist, aber Sie schreiben nun einmal für Kinder, und da müssen Sie auf Späße verzichten, die nur Erwachsene verstehen. Umgeben Sie Mats mit einer kleinen Schar Personen, die wir ebenso gut kennen, wie er selbst. Lillpelle und Limpan und ein paar andere würden völlig reichen. Weder Onkel Jensen noch Tante und Onkel Linder oder Klas-Herman, um nur einige zu nennen, interessieren uns im Geringsten, weil wir keine Gelegenheit haben, sie wirklich kennenzulernen.

An Ihrer Stelle würde ich Mats in diesem Buch niemals zu den Großeltern losschicken, sondern ihn mit Lillpelle und Limpan daheim im Vanadisvägen herumstiefeln lassen. Er braucht keine besonders aufregenden Sachen zu erleben, aber das, was er erlebt, sollte ordentlich aufgebaut werden.

Sie drücken sich vor den Schwierigkeiten, indem Sie Mats schnell in ein anderes Milieu verpflanzen, und Sie füllen die Seiten mit Dialogen, die mitunter ganz reizend und sehr lustig sind. Aber manchmal scheinen sie nur geschrieben zu sein, um die Seiten zu füllen und damit Sie zum nächsten Kapitel übergehen zu können. Nun, dies waren nur ein paar Gesichtspunkte meinerseits.

Wissen Sie, dass wir einen Wettbewerb laufen haben? Schreiben Sie doch noch sechs, sieben, acht kleine Perlen von Kurzgeschichten über Mats dazu und reichen Sie Ihr Manuskript zu unseren Wettbewerb ein. Ein weiteres Beispiel: Das Vogeljunge. Daraus ließe sich von Ihnen im Handumdrehen eine entzückende und spannende Geschichte machen. Er könnte den Vogel doch mit Limpan zusammen im Vanadispark finden, statt auf dem Land zusammen mit dem herzlich uninteressanten Klas-Herman. Oder was meinen Sie?

Ich hoffe, ich habe Ihnen jetzt nicht allen Mut geraubt, denn das war nicht meine Absicht. Vielleicht werde ich ihr Manuskript wieder zu Gesicht bekommen.

Das hoffe ich.

Mit herzlichen Grüßen
Astrid Lindgren

Barbro Lindgren, © Rabén & Sjögren